
Mittlerweile schaut die Sonne schon über den Bergkamm von dem wir abgestiegen sind. Im Gänsemarsch geht es bei klarem blauem Morgenhimmel links um den Berg herum eine ¾-Stunde bergab, bis wir in zunehmender Wärme Richtung Laufbachereck aufsteigen.
Die Sonne brennt nun erbarmungslos auf uns nieder. Der Anstieg zum Laufbachereck wird zunehmend steil und anstrengend. Auch unser Tempo ist seit wir die Nacht hinter uns gelassen haben richtig flott geworden. Keine Spur mehr von dem gemächlichen Tempo der Nacht. Auf dem Laufbacher-Eck wieder eine kurze Rast und ab geht’s Richtung Nebelhorn. Der Weg dorthin wechselt zwischen lockerem Wanderweg bis zu kurzen mit Seilen versicherten Passagen. Am Himmel ziehen immer mehr Schönwetterwolken auf, die uns ab und zu angenehmen Schatten spenden.
Um 13 Uhr laufen wir auf dem Edmund-Probst-Haus ein. Wir sind ja angekündigt und deshalb geht es Ratz-Fatz mit dem Salat und den Spaghetti. Da ich vor dem Servieren noch schnell dafür sorge, dass meine Spaghetti mit Parmesan, statt mit Fleischsoße kommen, bin auch ich als Vegetarier zufrieden und kann mir ohne Sorge den Magen füllen. Der Service war klasse hier – das ging echt schnell.
Mancher überlegt, ob er weiter laufen soll. Unser Kamerad aus Aitrach bei Memmingen zieht es vor mit der Bahn nach Oberstdorf abzufahren und seine Frau mit dem Handy als Taxi zu alarmieren. Wer solche Vorhaben wie wir unternimmt, muss auf seinen Körper achten – also eine weise Entscheidung von ihm.
Nun steht unser Team für den Endspurt Richtung Hindelang. Noch einmal schnell durchgezählt und wir laufen bei meist bedecktem Himmel über die Hochebene Koblat entlang des Hindelanger Klettersteigs. Wer meint eine Hochebene sei flach, wird schnell eines Besseren belehrt. Ein paar Höhenmeter rauf, ein paar Höhenmeter runter, ein paar Höhenmeter rauf….
Es zieht sich bis zum Emeratsgundsee. Immer öfter taucht die Frage auf: Wie viele Stunden haben wir denn noch? 3 oder doch noch 5 Stunden? Wolfgang lässt es offen. Ein letzter Anstieg und es geht jetzt erstmals seit langem länger bergab. Das Tempo ist immer noch sehr zügig und jeder denkt wohl innerlich wie es wäre, wenn jetzt das Ziel schon zu sehen wäre. So langsam beginnen die Beine und Füße zu brennen und von angenehmem Laufen kann man nicht mehr sprechen. Die Schuhe ausziehen und die Füße in einem Bergbach kühlen, das wäre es jetzt.
Wir erreichen erstmals wieder die Baumgrenze. Laufen teils im Wald, teils über Almwiesen mit Vieh hinab. Eine letzt kurze Pause und dann geht es steil bergab auf einem schottrigen Versorgungsweg und endlich sind wir im Talboden. Einer lässt sich das steilste Stück mit dem Auto fahren – die Knie machen nicht mehr mit bergab.
Müde laufen wir talauswärts Richtung Hinterstein. Die Sonne kommt wieder mehr zum Vorschein und auch die Bremsen scheinen sich an uns ein Abendessen ausgesucht zu haben.
Durch die nächtlichen Verzögerungen sind wir eine gute Stunde im Verzug. Wolfgang hat die glorreiche Idee, dass wir die Strecke nach Hindelang mit dem Auto etwas verkürzen, so dass es nur noch etwa eine halbe Stunde zu Laufen ist. Keiner ist böse und so werden wir von Wolfgangs Freundin und einem zweiten Wagen in Etappen näher ans Ziel gebracht – das ist eine echte Erleichterung gewesen, sonst hätte sich der Weg durchs Hintersteiner Tal zurück schon arg gezogen und wären kaum vor 20 Uhr eingetroffen. Die Nacht hat einfach zu viel Zeit gekostet.
An der letzten Brücke über die Ostrach halten wir noch ein letztes Mal an und vor dem letzten Kilometer gehen die zwei Flaschen Wein reihum, die uns die Wirtin vom Probsthaus geschenkt hat. Wer will, kann sich hieran laben. Die letzten Meter gehen wir gemeinsam in der Gruppe schnell zum Ziel beim Gasthof “Zum Wiesengrund”. Jeder freut sich über die geschaffte Leistung. Wir dürfen unser Finisher-T-Shirt in Empfang nehmen und die Wirtsleute vom “Wiesengrund” haben schon für Speis und Trank gesorgt.
Ich werfe meinen Rucksack ins Auto. Befreie mich von den Bergschuhen – welch eine Wohltat. Auf der Wiese vor dem Gasthaus sind Tische und Stühle und ein Grill mit Buffet aufgebaut. Alle Bergkameraden sitzen müde aber froh beisammen. Ich lade mir einen großen Salatteller auf und trinke ausreichend.
Nun kommt die Müdigkeit der Nacht langsam zum Tragen, die Augen werden schwerer. Nur nicht zu lange sitzen – ich kennen das ja von diversen Ultras – sonst kommst Du nicht mehr hoch. Ich verabschiede mich von meinen Mitstreitern bis zum Wiedersehen im nächsten Jahr und bin dann gegen 21:45 mit dem Auto wieder zu Hause, wo mich meine Frau Anke schon sehnsüchtig in Empfang nimmt.
Die 24-Stunden waren eine wunderschöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Vom Zeitgefühl her, kam es mir vor, als wäre ich mindestens eine Woche unterwegs gewesen, so intensiv habe ich diesen Tag empfunden. Man kann sich nicht vorstellen, daß man erst am Abend zuvor gestartet ist. Man geht vollkommen im Augenblick auf, es gibt kein Gestern oder Morgen mehr, nur der nächste Schritt zählt – für mich gelebte Präsenz.
Markt Rettenbach / Engetried am 13.08.06
In Teil 4 folgen die schönsten Bilder … freut Euch darauf.
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